Wann ist eigentlich Tauchsaison? Diese Frage bekomme ich immer wieder mal gestellt. Tatsächlich ist „Tauchsaison“ ein sehr relativer Begriff und sollte eher unter Berücksichtigung der regionalen Besonderheiten betrachtet werden. Denn grundsätzlich gibt es keine echte Saison – tauchen kann man das ganze Jahr hindurch. Und jede Jahreszeit hat ihren ganz eigenen Reiz.
Am komfortabelsten ist es natürlich in den warmen Regionen. Ob Mittelmeer, Rotes Meer, Karibik oder Pazifik, hier kann immer getaucht werden. Nicht ohne Grund ist hier der Tauchtourismus ein wichtiger Wirtschaftszweig. Die einzige Einschränkung sind die Monate, in denen vermehrt starke Stürme auftreten. In Zonen mit ausgeprägteren Jahreszeiten wird die Saison eher durch biologische Phänomene definiert. Norwegen zum Beispiel. Im Januar und Februar folgen große Rudel von Orkas und Buckelwalen den Heringsschwärmen im warmen Golfstrom. Ein Riesenspektakel – auch für Taucher. Gleiches gilt für den Sardine Run im südafrikanischen Winter, wenn sich hungrige Haie, Wale und Delfine auf die gigantischen „Bait Balls“ stürzen. Man muss aber nicht um die halbe Welt fliegen, um spektakuläre Naturereignisse zu erleben. In der niederländischen Oosterschelde etwa kann man im Frühsommer Sepien bei der Paarung und mit Glück sogar Seepferdchen beobachten. Und in der heimischen Ostsee kommen um Ostern herum die putzigen Seehasen aus der Tiefe zum Laichen in die Uferzonen.
Ganz gleich, welche Region man in Augenschein nimmt, mit etwas Hintergrundwissen wird man zu fast jeder Jahreszeit etwas Interessantes zu sehen bekommen. Für Sporttaucher in Deutschland, die vor allem im Nass- oder Halbtrockenanzug unterwegs sind, sind die Monate September und Oktober am schönsten. Das Wasser ist nach dem Sommer noch angenehm warm, die Unterwasserlandschaften stehen in voller Pracht und der Fischbestand ist auf dem Höchststand. Das entscheidende Merkmal ist aber, dass die Algenblüte abgeschlossen ist, die in den heißen Sommermonaten vielerorts für schlechte Sicht sorgt. Übrigens ist der Frühherbst auch ideal geeignet für Nachttauchgänge. Die Dämmerung setzt bereits ab 19:00 Uhr ein und lockt die Kleinfisch-Schwärme aus ihrer Algendeckung. Darauf haben die heimischen Räuber gewartet. Hechte, Zander und Barsche fressen sich nun ein letztes Fettpolster für die Winterruhe an. Quasi die „Bait Balls“ in unseren Heimatseen. Für die zahlreichen Trockentaucher stellt sich die Frage nach der Jahreszeit dagegen meist gar nicht. Das hat den Vorteil, dass man in jeder Jahreszeit das Beste mitnehmen kann. Wer jemals im tiefsten Winter durch ein gesägtes Loch an der Sicherungsleine unter die Eisdecke getaucht ist und diese faszinierende Atmosphäre erlebt hat, weiß was ich meine.
Text: Elmar Klemm
Bild: mares, Janez Kranjc



